Ich muss zugeben, den heutigen Tag habe ich größtenteils aus dem Film und auch aus der Erinnerung gestrichen. Nicht, weil er so schlimm gewesen wäre. Er war nur einfach total belanglos. Okay, wie erwähnt haben wir am Abend zuvor zweifelhaftes Essen („aus bekannten Tieren“) von einem Straßenstand gegessen. Die Verdauung ist also schonmal nicht auf unserer Seite. Dafür müssen wir heute nur 400 Kilometer zurücklegen, das nächste Etappenziel ist die Stadt Kumul. Herr Jo beschließt daher, dass es Zeit für etwas Kultur ist. Wir sollen uns „Flaming Mountain“ ansehen.
Was ist „Flaming Mountain“?
Ich kann es nicht wirklich sinnvoll in einem Satz beschreiben. Aber der Berg kommt in Chinas Märchen-Epos „Reise nach Westen“ vor. Hier hat der Affenkönig … irgendwas Tolles gemacht. Daher haben sich die Chinesen gedacht: Bauen wir doch hier so eine Art Vergnügungspark hin. Nur ohne Vergnügen. Wir, immer interessiert an Fantasyquatsch, hoffen, dort den Nerd-Teil unserer Doku stärker betonen zu können. Letztlich landen aber alle Aufnahmen aus dem Park im virtuellen Papierkorb, denn das ist uns dann doch zu kommerziell und wir wollen auch keinen Ärger um Drehgenehmigungen mit den Parkbetreibern.
Was gibt es dort also zu sehen und zu tun?
- Auf alt getrimmte Wandreliefs, die die Reise nach Westen nacherzählen - Verkleidete Schauspieler, die den Affenkönig, seinen Kumpel Pigsy und den Mönch Tripitaka darstellen und recht aufdringlich werden - Jede Menge Giftshops - Den Kampfstab des Affenkönigs als übergroße, 10 Meter hohe Sanduhr/Thermometer, der aus einem Loch im Boden ragt -Mehr Giftshops - Statuen der wichtigsten Figuren der Sage - Kamelreiten Mülleimer in Form von Affen - Den Blick auf „Flaming Mountain“ .... „Flamey Mountain. Changes colour during day“ - klärt mir Alan Jo auf. Ich erkenne nichts Besonderes an dem Berg und meine „I bet at night it's grey, right?“ Herr Jo versteht meinen Witz nicht. So gut war aber dann aber auch nicht. Nachdem wir genug Zeit verschwendet haben, geht es endlich weiter nach Kumul. Am frühen Abend kommen wir dort an und haben dieses Mal Glück mit dem Hotelparkplatz: Das Hotel liegt in einer abgelegenen Grünanlage und wir können auf einem ruhigen Stellplatz übernachten. Wir nutzen die Ruhe, um ein paar Reparaturen am Fahrzeug durchzuführen – die inneren Holzwände haben sich verschoben, Schrauben sind herausgebrochen etc – und ein paar Interviews aufzunehmen. Am nächsten Tag wollen wir den Nationalpark erreichen, in dem wir für Space drehen wollen, also wird es Zeit, sich über Requisiten Gedanken zu machen. Die Szene, um die es geht, benötigt ein Gewehr. Natürlich haben wir keines dabei, also muss eines aufgetrieben werden. An einem Kiosk kauft Basti daher ein Plastikgewehr, dass Steff mit seinen Farben so pimpen soll, dass es filmtauglich ist. Dann marschieren wir noch ein wenig durch die eigentlich ganz nette Kleinstadt auf der Suche nach verträglichem Essen und landen am Ende doch in einem Lokal mit chinesischer Kost. Und: Überraschung: Die junge Kellnerin spricht englisch! Endlich können wir uns mal mit jemand anderem als uns oder unserem Guide unterhalten, auch wenn es nur belangloser Smalltalk ist. Wir rätseln dennoch lange über unsere Bestellung und welche Sorte Bubbletee-Plagiat wir denn nun trinken sollen. Am Ende fühlt sich wieder alles ein wenig nach Urlaub an, heute war nicht der schlimmste Tag der Reise, bei Weitem nicht.
Raoul Fiebig
2017-10-04 14:04:53 +0000 UTC