10/11. September 2015
Mir wird heute bewusst, dass ich dieses Tagebuch so langsam schreibe, dass sich unsere Abfahrt nach China in 2 Wochen zum 2. Mal jährt – und der Film dümpelt nach wie vor ohne eine Entscheidung, was mit ihm geschehen soll, auf meiner Festplatte herum. Es wird vielleicht Zeit, ein wenig am Tempo zu drehen. Immerhin sind die folgenden Tage nicht gerade ereignisreich.
Wir brechen nach dem Drehen einiger weiterer Shots von Aksu am Morgen des 10.9. auf Richtung Korla, einer weiteren Wüstenkleinstadt im Nordwesten Chinas. Heute sind nur 500 km zu schaffen und wir bitten Herrn Jo, doch nicht wieder die Autobahn zu nehmen. Erstens können wir sowieso nicht besonders schnell fahren, zweitens ist es teuer, drittens wollen wir etwas von der Gegend sehen (und filmen). Also geht es erst einmal querfeldein weiter. Wir bereuen diese Entscheidung bald, denn die Landstraße ist relativ voll. Und dann auch noch voll von Kleinstwagen und Eselkarren. Es gibt viel mehr kleine Dörfer, als wir erwartet hätten, was weiter an der Geschwindigkeit nagt. Irgendwann knallt es dann auch noch gewaltig, als Steff versucht, einen parkenden LKW zu überholen. Wir halten an und steigen aus. Was ist passiert? Unsere Markise liegt abgetrennt auf der Straße (gemeint ist der Metallkasten, der das Ding in eingerollten Zustand enthält), wir sind damit an der Kante des sehr stabil gebauten LKWs hängen geblieben. Dessen Fahrer lacht amüsiert, als wir die Reste der Markise von der Straße wuchten und auf den Gehweg legen. So, wie die Behausungen hier aussehen, sind wir sicher, dass wir damit irgendwem einen Gefallen getan haben, der sich aus der alten Markise jetzt ein neues Dach bauen kann. Wir selber haben keine Zeit, das Ding wieder zu verstauen (wo auch?), denn Herr Jo und sein Fahrer Herr Li haben nicht auf uns gewartet. Im Verlauf des Tages verfahren sich die beiden mehrfach auf der Landstraße. Dann heißt es, die Straße sei unterspült oder von der Regierung gesperrt. Am Ende ist klar: Herr Jo sucht Argumente, um uns wieder auf die Autobahn zu scheuchen. Wir beugen uns dem schließlich und erreichen dann relativ früh die Stadt Korla. Auch hier wird auf einem Hotelparkplatz Halt gemacht. Das Hotel ist etwas schicker und der Parkplatz etwas größer als in Aksu – aber ansonsten same shit different day.
Wir haben nach wie vor das Problem, dass unsere Notebook-Netzteile im Eimer sind und hoffen, in diesem Kaff etwas zu finden, das uns weiterhilft. Nach einigen Missverständnissen führt und Herr Li zu einem Händler für Autozubehör, wo wir für ca. 20 Euro einen seltsamen Adapter kaufen. Das Gerät besteht aus einer großen Metallröhre samt Lüfter und kann an den Zigarettenanzünder angeschlossen werden. Auf der anderen Seite befindet sich eine große 220-Volt-Steckdose. Klingt eigentlich sehr praktisch – und gibt uns für den restlichen Abend etwas zu tun. Leider funktioniert das Ding nur mit Einschränkungen und für begrenzte Zeit, aber besser als nichts.
Am 11. geht es dann weiter nach Turpan. Aber vorher schleppt uns Jo noch zu einer Touristenattraktion (die entsprechend viel Eintritt kostet): Er will uns Bosten-Lake zeigen. Einen riesigen See in dieser eigetlich sehr trockenen Gegend. Wir halten also auf einem Busparkplatz hinter einem Absperrgatter und steigen aus. Ich bin schon wenig begeistert, als ich die ganzen Wasserfahrzeuge sehe, die am Strand vor sich hinrosten. Die Badesaison ist eindeutig vorbei. Der See ist... ein See eben und wir wissen nicht so recht, was wir hier tun. Das sagen wir Jo auch. Der versucht, weiter Freundschaft zu schließen. „Nico. You don't like German. You like American.“ Aha. Okay. Auf was spielt er an? Meine Einstellung? Meinen Bauchumfang? Bin ich nicht blond genug? Egal, wir hängen eine gute Stunde am Strand herum und am Ende habe ich jede Menge Verlegenheitsbilder gemacht, von denen kein einziges im Film laden wird. Dann geht es weiter durch die Wüste. Wir bitten zwischendurch um einen Stopp, um Landschaftsaufnahmen für Space 1889 zu machen, müssen uns am Rastplatz aber erst durch eine Phalanx aus Tretminen (gemeint sind Scheißhaufen) durchmanövrieren. Herr Jo bemerkt, dass ich auch das AKW im Hintergrund im Kasten habe und beschwert sich darüber. So langsam wird klar, wie der Hase läuft. Schließlich kommen wir in Turpan an – und nachdem Aksu und das andere Kaff, dessen Namen ich jetzt schon wieder vergessen habe, dabei steht er ein paar Zeilen weiter oben – chinesisch geprägt waren, hat Turpan wieder diesen arabisch-türkischen Charme. Turpan ist berühmt für seine Bewässerungskanäle, die es den Uiguren hier ermöglicht haben, im großen Stil Wein anzubauen. Tatsächlich ist die halbe Stadt mit Wein überrankt und wer sich lang genug macht, kann sich die Beeren einfach von der Decke eines überwucherten Allee stibitzen – was auch eine Menge Leute versuchen. Offenbar ist hier gerade Weinfest, denn es wird auf den Straßen musiziert und getanzt. Ein kleiner Junge balanciert mit verbundenen Augen über ein Drahtseil. Wir entscheiden uns dafür, bei einem fahrenden Imbiss Grillzeug einzukaufen. Die Person (das Geschlecht war nicht zu ermitteln), die uns das Zeug verkauft, packt direkt danach zusammen und braust mit dem Mofa davon. Da hätten wir misstrauisch werden sollen. Das geschmacksneutrale Zeug wird uns am nächsten Tag noch Probleme bereiten.
Orkenspalter TV
2017-08-04 09:21:12 +0000 UTCReinhold Ottner
2017-08-03 20:57:01 +0000 UTCRaoul Fiebig
2017-08-01 13:21:31 +0000 UTC