7. September 2015: Wow, das war wieder eine lange Pause. Und das nach so einem fiesen Cliffhanger!
Wo waren wir? Ach ja, Maschinengewehr! Am Morgen des 7.9. klopft also jemand energisch an unsere Tür, wir machen zögerlich auf und es ist ein Mann mit einer eben solchen Waffe in der Hand. Er ist ziemlich wütend und gestikuliert wild. Nach einigem Hin und Her finden wir folgendes heraus: Wir haben nachts aus Versehen bereits die Grenze passiert und stehen jetzt auf dem Parkplatz hinter den Grenzposten. Da dürfen wir aber nicht stehen. Wäre halt schön gewesen, wenn man an irgendwas hätte sehen können, dass man hier nicht weiterfahren darf. Aber offenbar machen die Grenzer hier um 17:00 Feierabend. Außerdem: Wir sind böse Menschen, und damit der Grenzer mit dem MG ein Auge zudrückt, will er irgendwas haben. Wir können ihn mit einer solarbetriebenen Mini-Taschenlampe abspeisen, die wir vor der Fahrt als einzigen Artikel noch im Backpacker-Store in Heidelberg gekauft haben. Hat sich ja dann gelohnt.
Also fahren wir zurück auf die andere Seite und stellen uns brav in der Schlange an. Im Gegensatz zur Einreise nach Kirgistan ist die Prozedur nervig und zeitaufwändig. Die Beamten wollen alles über unser Fahrzeug wissen, auch obskure Daten, die nirgendwo vermerkt sind. Sie wollen Papiere haben, von denen wir noch nie gehört haben und pochen darauf, dass wir doch bei der Einreise in die GUS Dokument X oder Schein Y hätten bekommen müssen. Haben wir aber nicht und das bedeutet: 1000 Tenge Strafe. Also etwa 15 Euro.... So lange halten sie uns in einem Hinterzimmer fest und machen sich dabei auch noch über unser Auto lustig. Wieso haben wir als Deutsche einen Fiat? Sie fahren ja alle BMW, Mercedes oder Audi. Warum sich diese eigentlich unterbezahlten Beamten das leisten können, werden wir auch erst viel später erfahren. Das alles klingt jetzt vielleicht etwas bedrohlicher, als es ist. Tatsächlich versuchen diese Leute, uns mit Respekt und Vorsicht zu behandeln – und gleichzeitig eben den Vorschriften genüge zu tun oder sich maximal zu bereichern. Wir wissen wieder einmal nicht, welches davon.
Nach ca. 2 Stunden Grenzkontrolle (nur wir und die Papiere werden kontrolliert, das Auto oder das Gepäck, das interessiert hier keinen) werden wir durchgelassen. So richtig wissen wir immer noch nicht, was wir nun tun sollen. Wir fahren so weit wie möglich zum großen Tor am Pass und rufen dann erneut den Guide an. Der ist schon ziemlich gehetzt, denn offenbar ist das Zeitfenster für einen Grenzübertritt eng. Schließlich kommt er mit seinem Wagen auf der anderen Seite des Tors angebraust, springt heraus, sagt uns, dass wir in 5 Minuten „im Tal sein müssen“ und rast wieder davon. Wir in Panik hinterher, die Wachen öffnen kurz das Tor für uns und schließen es wieder. Das hat also immerhin schonmal geklappt. Es folgt eine Art Verfolgungsjagd, in der wir in 5 Minuten 5 Kilometer eines steilen, verschlugenen Gebirgspfads voller Schlaglöcher zurücklegen, um dann an der ersten der Chinesichen Grenzkontrollen anzukommen. Der ersten? Ja, genau. Es sind insgesamt DREI! Verteilt auf 100 km. Hier geht es erst einmal nur um unser Handgepäck, das durchleuchtet wird. Dann peitscht uns der Guide weiter zum nächsten Checkpoint. Dort werden, ca. 50 km weiter, unsere Papiere von der Polizei geprüft. Dann müssen wir erneut anhalten, um unser Auto (gegen Gebühren) desinfizieren zu lassen. Wir haben noch kein chinesisches Geld, brauchen es aber hierfür. Gut, dass abgerissene Gestalten bereit und übereifrig sind, unser westliches Geld in einheimisches umzutauschen. Es ist das erste Mal, das wir mit unserem uygurischen Guide mehr als ein paar Worte wechseln können. Ehrlich gesagt habe ich seinen Namen vergessen – und gefilmt haben wir ihn auch nie. Er sieht ein wenig so aus wie ein junger Cary-Hiroyuki Tagawa (einfach mal goggeln, ihr kennt ihn), ist aber natürlich kein Japaner sondern halb Uygure, halb Chinese. Und er versteht unseren Humor nicht. Ich quittiere den ersten Anblick der Yuen-Scheine mit „wunderschön“ - sie zeigen alle die Hackfresse Maos. Der Guide dazu „Findest du??“. Natürlich nicht. Und er auch nicht, vermutlich steht Mao für alles, was er hasst und was ihn an diesem Land stört. Dass das Verhältnis der Einheimischen zu den Han-Chinesen so gespannt ist, wissen wir noch nicht. Und dass er überhaupt als Guide arbeiten darf, ist offenbar eine große Ausnahme. Nach dem „Desinfizieren“ - sie nennen es „Impfen“ - des Autos (jemand besprüht es ein wenig mit einer Chemikalie … gegen die bösen westlichen Kapitalismuskeime), geht es an die letzte und gründlichste Grenzkontrolle. Als wir schließlich in Kashgar im Hotel ankommen, ist es bereits spät am Abend. Wir haben 12 Stunden für 4 Grenzkontrollen und 200 Kilometer gebraucht. Morgen früh soll es zur Führerscheinbehörde gehen. Mháire klinkt sich aber wege Kumus-Spätfolgen aus. Wir anderen gehen in Kashgar bummeln und finden brauchbares Fast Food, auch wenn darunter eine mit Bananen belegte Pizza ist. Kashagar ist völlig anders als erwartet, nach der Leere Kirgistas absolut erschlagend und fühlt sich orientalisch an, nicht jedoch chinesisch. Würde ich entführt werden und hier orientierungslos aufwachen, würde ich vermuten, in der Türkei zu sein. Nur die allgegenwärtigen Eletktroroller („lautlose Killer“) passen nicht ins Bild. Aber die meisten Menschen sehen sehr vertraut türkisch oder arabisch aus. Nur ab und zu läuft ein neureich wirkender Tourist oder Polizist über die Straße, der ein klassischer Chinese ist. Unser Hotel passt da ebenfalls gut dazu: Es sieht aus wie die Kulisse eines schlechten Indiana-Jones-Rip Offs, in dem eine Strass-Bombe explodiert ist. Alles glitzert. Alles ist tuffig. Wir nutzen das Hotelnetz für ein paar Updates auf Facebook und Youtube – soweit dass die Firewall Chinas zulässt – und schlafen dann unruhig ein.
Olovil Stein
2017-05-23 19:23:37 +0000 UTCOrkenspalter TV
2017-05-23 18:06:15 +0000 UTCRaoul Fiebig
2017-05-23 13:44:29 +0000 UTC