21. August 2015
Auf der Fahrt nach Moskau bekamen wir einen Vorgeschmack auf das
Prinzip „Asiatische Straßen“. Damit meine ich nicht den Zustand,
die meisten Straßen in Russland sind großartig in Schuss. Zumindest
bis Moskau und ab da bis nach Samara. Ich meine damit: Die Straße
ist leer. Es stehen mehr Menschen am Rand, als auf ihr fahren. Diese
Menschen wollen meist Honig oder Kartoffeln verkaufen. Weiter im
Süden auch mal Melonen oder Badehosen. Ihnen allen gemein ist, dass
sie offenbar ohne Kunden überleben können, denn wir haben nie
jemanden hier Melonen oder Kartoffeln kaufen sehen. Nach einer
ansonsten ereignislosen Fahrt erreichten wir am Abend des 21. Moskau.
Und waren erst einmal stark eingeschüchtert. Von den gewaltigen
Autobahnringen, die sich hier in gefühlt 100ern Metern Höhe noch
überlappen. Von den vielen Wohnblocks mit aberwitzig hohen
Hochhäusern. Davon, dass ein „Park“ in Moskau die Größe eines
kleinen Wäldchens und dass Moskau offenbar mehrere AKWs in seinen
Stadtgrenzen hat.
Wir kamen wie erwartet nicht besonders gut voran, sobald wie eben
diese Stadtgrenzen passiert hatten. All die Menschen, die im Vorland
durch Abwesenheit geglänzt hatten, waren nun hier versammelt und
quälten sich in Autos, die vom typischen Lada aus der Sowjet-Zeit
bis hin zur Nobelkarosse und uns völlig unbekannten Marken reichten,
über die gefühlt 10 Spuren der Ringautobahn. Unser Vorteil dabei:
Sie alle wollten aus Moskau raus. Wir wollten rein. An diesem Freitag
schien halb Moskau die Stadt zu verlassen, um sich übers Wochenende
auf die traditionellen Landsitze zurückzuziehen. Das kam uns sehr
gelegen. So kamen wir nur mit einer Stunde Verspätung in der
eigentlichen Stadt an.
Verspätung?
Ja, wir hatten hier einen Termin. Zuvor hatte uns unsere
Youtube-DSA-Kanal-Betreiber-Kollegin Natalia hier einen Kontakt
vermittelt: Den Brettspiel-Youtuber und Obernerd Alex. Wir wollten
ihn interviewen. Zum Thema „Wie ist es, in Russland ein Nerd zu
sein?“ Außerdem fühlten wir uns sicherer mit einer Anlaufstelle
in Russland.
Wir suchten die angegeben Adresse auf: ein 30stöckiges
Betonmonster und bestiegen mit einem leicht mulmigen Gefühl den
Fahrstuhl. Oben wurden wir sehr herzlich von Alex und seiner Frau
begrüßt. Die beiden hatten es geschafft, die 40-50 Qudratmeter
ihrer Bude in diesem von außen abscheulichen Wohnturm heimelig zu
machen. Dazu gehören übrigens auch die obligatorischen
Perserteppiche an der Wand. Über deren Sinn oder Ursprung konnte uns
Alex übrigens auch nicht aufklären. Seine Oma hatte ihm schlicht
verboten, sie abzunehmen. Vielleicht halten sie ja fiese
extradimensionale Wesen fern, die nur durch die Wände in eine
Wohnung eindringen können, um russische Gesichter zu fressen? Das
wäre jedenfalls das, was ich meinen Enkeln erzählen würde.
Mháire führte ca. 2 Stunden lang ein Interview mit Alex und ließ
sich russische Spiele und Comics zeigen. Irgendwann wird dieses
Interview sicher seinen Weg auf Youtube finden.
Dann brachen wir auf zu einem Etablissement, das mich bis heute
sehr neidisch auf die Moskauer macht: Papa Vader, ein Nerd-Club mit:
Spieleecke für PnP und Tabletop
Star Wars Deko ohne Ende
Gerichten und Getränken mit passenden Fantasy- und
Sci-Wortspielen im Namen
Sitznischen, die jeweils thematisch passend zu Star Wars,
Firefly, Mass Effect, Star Trek etc. dekoriert sind
Musikbeschallung aus den entsprechenden Wekren
Bedienungen in den Uniformen der original Star Trek Serie
(also kurze Röcke)
Eine Poledance-Stange, an der sich am kommenden Tag (ja, wir
waren für Interviews noch einmal dort) tatsächlich 2
Twilek-Cosplayer in Unterwäsche räkelten.
Wir waren von dieser Einrichtung ziemlich baff und fragten uns:
WARUM ZUR HÖLLE HABEN WIR SOWAS NICHT HIER? WARUM DÜRFEN WIR NICHT
IN RUSSLAND NERD SEIN?
Okay, zugegeben: Wir wollen keine Nerds
in Russland sein. Wir wollen niemand sein, der in Russland lebt. Alex
berichtete uns von Zombiewalks, die in Straßenschlachten mit der
Polizei endeten. Von Leuten, die sich bekreuzigen, wenn sie ihn in
seinem Joker-Cosplay sehen. Und davon, dass in den letzten Jahren
alle Polit-Satire-Magazine aus dem TV verschwunden sind und über
Anti-Putin-Demos (mit 30.000 Teilnehmern) niemand in den Medien
berichtet. Yeah.
Alex und seine Frau würden gern nach Estland auswandern. Aber wie
sie das machen sollen, wissen sie leider auch noch nicht.
Die Nacht verbrachten wir nach einem ausgewogenen McDonalds
Nachtmahl im Wohnmobil und im Schatten von Alex' Wohnturm
Orkenspalter TV
2015-11-20 20:28:43 +0000 UTCJakomo vom Dach
2015-11-20 20:07:46 +0000 UTC