Orkenspalter in China: Die Chronik - Teil 1: Der Aufbruch
Added 2015-10-21 15:31:27 +0000 UTCWir haben in letzter Zeit lange hin und her überlegt, wie wir
unsere Reiseerlebnisse „verpacken“. Klar, es wird einen
Dokumentarfilm geben, aber darüber hinaus ist da noch so viel zu
erzählen, was man aus politischen, privaten oder schlicht
Nettigkeits-Gründen nicht mit der ganzen Welt teilen sollte.
Außerdem haben wir mit unserem Sponsor nach wie vor keinen gültigen
Vertrag und es besteht die Chance, dass er es nicht gerne sehen
könnte, wenn wir jetzt auch noch ein Buch schreiben oder einen Blog
veröffentlichen, vor allem wenn diese Form der Berichterstattung das
Schauen des Films überflüssig machen könnte.
Daher haben wir uns erst einmal zu dieser Lösung entschlossen:
Wir posten unsere Reisetagebücher hier nach und nach. Nur für euch
Patrons. Es kann sein, dass wir sie irgendwann noch einmal irgendwo
anderweitig veröffentlichen, aber momentan sind sie nur für euch.
Sie werden auch nicht allzu viel aus dem Film vorweg nehmen.
Stattdessen reden wir hier über Dinge, die im Film keinen Platz
fanden oder die wir schlicht nicht filmen konnten, weil … man eben
Beamte mit automatischen Waffen nicht filmen sollte. Das ganze ist
aus Nicos Perspektive geschrieben, da er es ist, der während des
Renderns von Videos Zeit für so etwas hat :)
16.August 2015
Heute geht es los. Nach fast einem Jahr Vorbereitung wollen
Mháire, Steff und ich von Viernheim nach Hamburg aufbrechen, um dort
Basti einzusammeln und dann gen Polen zu starten. Dann weiter nach
Russland, Kasachstan, Kirgistan und China, wo wir unseren Dinosaurier
für den Space 1889-Film abholen sollten. Das alles als Gegenstand
einer TV-Doku, für die es bis heute übrigens keinen Abnehmer gibt.
Es war bis zuletzt relativ unsicher, ob die Reise überhaupt
unternommen werden könnte. Das uralte Wohnmobil Baujahr 1990 hatten
wir erst einige Woche zuvor in Passau gekauft und die erste
Inspektion des KFZ-Menschen unseres Vertrauens ergab das Ergebnis
„Der hat neu TÜV? Nie im Leben. Das ist doch getürkt!“ (der
KFZ-Mensch ist schon etwas älter, so dass man ihm solche
Redewendungen verzeihen möge). Die durchzuführenden Reparaturen
waren fast so teuer wie das Fahrzeug selbst, aber immerhin war es
rechtzeitig fertig. Viel knapper war es bei den Unterlagen. Gerade
die VISA stellten sich als Problem heraus. Klar, die Russen wollten
ALLES von uns wissen. Auch unseren Kontostand. Nicht, dass wir armen
Schmarotzer uns nach Russland absetzen, das Land in dem bekanntlich
Vodka und Honig fließen (es gab tatsächlich eine Menge Honig am
Straßenrand zu kaufen) um an Putins Zitzen zu parasitieren!
Glücklicherweise hatten wir dank unseres Sponsors und dem für die
Reisekosten angesammelten Geld ausnahmsweise fast alle recht gut
gefüllte Konton und es gab nichts zu beanstanden.
Na ja, ok. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn alle von uns
ihre Namen in den Antragsformularen richtig geschrieben oder das
Dokument unterzeichnet hätten. So ging es dank unserer Unfähigkeit
noch eine Weile hin und her, aber am Ende hielten wir die Visa 3 Tage
vor Aufbruch in den Händen. Auch die beiden Visa für unsere
Freundin Iris, die kurz vorher wieder abgesprungen war. Sie hatte
sich einreden lassen, dass man ihr in Russland oder spätestens
Kasachstan die Kehle durchschneiden würde. Schade, aber im
Nachhinein wäre es auf Dauer zu Fünft VIEL zu eng geworden.
Apropos Enge: Um diese zu vermeiden, hatten wir einen
Heckgepäckträger organisiert bzw. der Vorbesitzer des Wagens hatte
ihn uns mitverkauft. Leider ließen sich dessen Lampen nicht in
Betrieb nehmen. Mehrere Stunden versuchte Steff mit Hilfe seines
geduldigen Vaters, die Verkabelung zu reparieren, aber es halb
nichts. Der Gepäckträger musste da bleiben. Und somit auch unsere
Fahrräder, die als „Rettungsboote“ gedacht waren, sollte man mal
schnell 20 km zum nächsten Ort fahren müssen, weil man zB mitten in
der Wüste liegen geblieben war. Immerhin hatten wir noch einen neuen
Dachgepäckträger, den wir hatten das Dach für den Dino-Transport
verstärken und mit Metallstreben ausstatten lassen. Da passten zwar
nicht die Räder drauf aber immerhin … der Ersatzreifen.
Viel zu spät ging es dann los: Gegen 1600 brachen wir endlich gen
Hamburg auf, wo wir um 2300 ankamen. Im Westen der Stadt sollten wir
Basti treffen, den einzigen Norddeutschen unserer Tour. Viel war nach
der Ankunft dann aber nicht mehr machbar. Ein schlichtes Mahl bei
einer Burgerkette, deren Slogan „Man gewöhnt sich dran“ lauten
sollte. Und dann verbrachten wir drei unsere erste, unspektakuläre
Nacht in unserem neuen Heim, direkt neben der Luruper Chausse.
17. August 2015
Auch der nächste Tag begann mit Verzögerungen. Basti hatte
einiges an Gepäck und einen sperrigen Werkzeugkasten, den wir noch
einige Male brauchen würden. Weitere Einkäufe waren nötig, um eine
Leiter fürs Dach, Klopapier für die Chemietoillette und Vorräte zu
sammeln. Außerdem wollten wir Bastis „zur Gruppe stoßen“
filmisch festhalten – und das vor angemessener Kulisse. Also wurde
eine Location im Hafen gesucht, an der er mit hamburger Flair auf uns
treffen konnte. Das war natürlich total gestellt und es macht
überhaupt keinen Sinn, dass Basti uns in einem Industriegebiet
trifft, aber was solls.
Unterwegs wollten wir uns mit Dosenfutter weiter eindecken und
besuchten einen Aldi nahe Berlin. Schockiert stellten wir fest, dass
Dosenravioli offenbar nur in zentralen Teilen des Landes zum Bestand
des Discounters gehören. Wir hatten uns darauf eingestellt (und auch
ein wenig gefreut), und die nächsten Wochen nur von kalten Ravioli
zu ernähren. Und später in China hätten wir für so eine Dose
vermutlich gemordet. Oder zumindest jemandem sehr weh getan. Oder ihn
beschimpft.
Wir überquerten unsere erste Grenze in der Nacht und verbrachten
deren Rest auf dem ersten polnischen Rastplatz nach dem ersten
Maut-Tor. Sehr zu empfehlen: Da die polnischen Autobahnen dank Maut
recht leer sind, sind auch die Rastplätze kaum frequentiert, sehr
sauber, sehr ruhig und sie bieten alles, was man als Wildcamper zu
braucht: Ein sauberes Klo, ein Waschbecken und einen
Süßigkeitenautomaten.