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Orkenspalter TV in China: Die Chronik - Teil 3: Leb' wohl, EU!

20. August 2015

Die Ereignisse dieses Tages sind mir unangenehm. Extrem. Daher

schinde ich noch ein wenig Zeit. Wir hatten ja diverse Maskottchen,

Glücksbringer und wasimmer dabei. Plüschdinosaurier, Schnabeltiere,

natürlich Heinz...aber auch andere Gestalten, die so manchen als

anbetungswürdig gelten: Jesus und Captain Malcolm Reynolds. Beide in

Form von Actionfiguren. Malcolm habt ihr evtl. im Abschiedsvideo

gesehen, da wurde er unboxed. Mit Jesus ist Buddy Jesus aus Dogma

gemeint, den Steff mitbrachte. Mháire und ich meinten, das sei evtl.

keine Idee, denn die Figur könne uns sowohl in den sehr streng

christlichen als auch den muslimischen Ländern Stress einbringen.

Letztlich wanderte Jesus also in die Sockenschublade des Alkovens.


Vorher musste er aber offenbar UNBESINGT sein Ding durchziehen.

Zunächst stand er in Eintracht neben Captain Malcolm, der frisch

ausgepackt sein Gewehr in der Hand hielt. Durch ein Schlagloch wurde

Jesus jedoch in eine Drehbewegung versetzt und sein ausgestreckter

Arm schlug Mal die Waffe aus der Hand und in den Lüftungsschlitz des

Autos. Das Gewehr wurde nie wieder gesehen.


Immer diese Aggro-Pazifisten.


Aber okay, ich schinde wirklich Zeit...


Wir erreichten die Grenze nach Russland am Mittag des 20. und

passieren eine lange, lange LKW-Schlange, um schließlich eine viel

kürzere PKW-Schlange zu erreichen. Vor uns wartete ein gelangweilter

Typ um die 50 mit Sonnenbrille, langen, leicht lockigen Haaren,

kurzen Hosen und Sandalen. Als er ausstieg, um Milch aus einer Tüte zu trinken, erkannten wir ihn: Es war der russische Dude! Der Original-Lebowski!

(Hinten links klein im Bild)


Jepp, das haben wir uns gemerkt, weil es das Spannendste in der

Schlange war. Wir warteten hier mehrere Stunden, bis die Letten uns

über die Grenze winkten. Und dann fing der Spaß an.


Nach der Überprüfung unserer Pässe und Visa wurde der Wagen von

den russischen Grenzern untersucht. Sie öffneten jeden Schrank,

jedes „Geheimfach“, wollten auch einen Blick ins Klo werfen und

kamen mit Spiegeln und Sensoren. Zu diesem Zeitpunkt hielten wir das

für Standard, aber danach hat nie wieder jemand sich diesen Wagen so

gründlich angeschaut, wie die Russen bei dieser Einreise. Eine

freundliche Beamtin erklärte uns derweil, wo wir was ausfüllen

müssten und zu welchen Schalter wir gehen mussten. Und am letzten

dieser Schalter wartete dann mein persönlicher,

oberlippenbärtchentragender Alptraum.


Ich habe eine furchtbare Handschrift. So schlimm, dass mir beim

Bio-Abitur deswegen ein Punkt abgezogen wurde. Seitdem 15 Jahre

Getippe am PC machten es nicht besser. Und doofe Zollformulare, die

sich danach nie wieder jemand anschaut, motivieren mich auch nicht,

da besonders viel Liebe und Mühe zu investieren.


Wir erhielten von Genosse Oberlippenbart, der vermutlich schon

zu Sowjet-Zeiten hier oder an einer damals relevanten Grenze gesessen

hatte, um sich an seiner Machtposition zu laben, ein Formular, in dem

es irgendwie um die Einfuhr unseres Autos ging. So ganz sicher waren

wir uns aber nicht, denn es war zwar auf Deutsch, jedoch auf so

kaputtem, dass es kaum zu verstehen war. Wir füllten also erst

einmal nur das aus, dessen wir uns sicher waren. In doppelter

Ausführung.


Das reichte aber nicht, Oberlippenbart nahm die Dokumente an sich

und setzt seinen Stift an. Er führe sich das Blatt Papier vor die

stahlgrauen Augen, als würde er die vorgegeben Felder zum ersten

Mal in seinem Leben sehen und studierte sie gründlich. Bei fast

jeder Zeile, über die sein als Lesehilfe dienender Stift fuhr,

seufzte er leise und schüttelte den Kopf.



Dann zeigte er auf die Stellen, die noch oder erneut auszufüllen

seien und zerriss das halb ausgefüllte Formular. Alles nochmal.



Okay, zweiter Versuch. Es wurden jede Menge technische Daten

abgefragt, von denen ich keine Ahnung hatte. Also in den Papieren

gewühlt. Der Genosse (der natürlich kein Genosse ist sondern nur

das Werkzeug irgendeiner inzwischen ideologiebefreiten

Pseudodiktatur) wurde immer ungeduldiger und meine Handschrift

dadurch nicht besser. Nach diesem 2. Versuch machte der Mann uns

klar, dass wir dies und jenes falsch ausgefüllt hatten und gab uns

zwei weitere Dokumente. Ich rotzte sie eilig hin und der Beamte nahm

sie entgegen, ging erneut jede einzelne Zeile durch, als WÜRDE SICH

JEMALS IRGENDJEMAND NOCH EINMAL FÜR DIESEN SCHRIEB INTERESSIEREN und

deutete am Ende auf das Datum: Es war ihm nicht deutlich genug

geschrieben. Sein Stift wies urteilend auf dieses Feld. Er schüttelte

müde und enttäuscht den Kopf und meinte nur „Plocha!“


Vierter Versuch. Mháire übersetzt das inzwischen sehr unhöfliche

Gebell dieses Mannes mit „Wenn ihr das nicht hinkriegt, dann geht

doch zurück nach Deutschland!“



Ich habe zugegeben nie versucht, mit einem russischen Auto in die

EU zu reisen, aber ich kann mir irgendwie vorstellen, dass es dafür

verständliche russische Papiere und hilfsbereitere Beamte gibt.

Vielleicht nicht überall, aber … egal. Ich zwang mich, das

verfluchte Dokument in Schönschrift auszufüllen und gab es ab. Der

Beamte … war zufrieden. Er ließ uns durch. Wir sind offiziell

nicht nur nicht zu arm, um in Russland einreisen zu dürfen, sondern

auch unsere Handschrift wird den dortigen Ansprüchen am Ende doch

noch gerecht. Wir fuhren noch gute 100 km bis zu einem Rastplatz,

nachdem wir bestürzt feststellten, dass es jenseits der Grenze neben

Wald und der Landstraße rein gar nichts gab. Nur Dunkelheit. 600

Kilometer bis Moskau blieben übrig.

Orkenspalter TV in China: Die Chronik - Teil 3: Leb' wohl, EU!

Comments

Nach dem Anfang des Textes habe ich ja die ganze Zeit auf die Stelle gewartet, wo der Grenz-Dude das Auto filzt, den Jesus in der Schublade findet und ihr wegen Religionsverunglimpfung 500 Rubel Strafe zahlen sollt ... aber so wars auch unterhaltsam :)

Lena Richter


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